50 n. Chr. verfasstee Plinius (»der Ältere«), der im Jahr 79 als Zuschauer beim Ausbruch des Vesuv ums Leben kam, seine monumentale »Historia naturalis«, die erste enzyklopädische Naturgeschichte. Dieses einzige von ihm erhaltene Werk ist eine unerschöpfliche Fundgrube für unsere Kenntnis der antiken Wissenschaften und des Volksglaubens: Plinius hat einfach alles aufgeschrieben, was er, ob wahr oder unwahr, als Information irgendwo gefunden hat. Wegen seiner thematischen Weitläufigkeit gab es von diesem Werk viel benutzte Auszüge, so die »Medicina Plinii«, die als Selbsthilfebuch für Reisende gedacht war. Man hat Plinius oft kritisiert, weil er unterschiedslos Aberglauben und wissenschaftliche Erkenntnisse vermischt; ein schönes Beispiel dafür ist, was er über die Aloe vera Pflanze schreibt. Ich zitiere den Text ausführlich in der alten Übersetzung von 1855:
»Die Aloe hat Aehnlichkeit mit der Scilla, ist aber größer und hat saftigere, schräg gestreifte Blätter. Der Stengel derselben ist dünn, in der Mitte röthlich, dem des Anthe-rikon nicht unähnlich; die Wurzel ist einfach, wie ein Pfahl in die Erde gesenkt, stark von Geruch und herb von Geschmack. Die gerühmteste kommt aus India, aber sie wächst auch in Vorderasien; doch bedient man sich von dieser nur der frischen Blätter auf Wunden, welche sie, wie auch der Saft, wunderbar schnell schließt; daher pflanzt man sie auch in kreiselförmige Gefäße, wie das größere Aeizoon. Manche schneiden des Saftes wegen den Stengel vor der Reife des Samens an, Andre auch die Blätter; doch findet er sieh auch von selbst in dranhängenden Tropfen. Daher hält man es für nöthig den Ort, wo sie gepflanzt ist, zu täfeln, damit diese Tropfen nicht von der Erde aufgesaugt werden. Manche haben freilich erzählt, es werde in Judäa oberhalb Jerusalems ein mineralischer Stoff der Art gefunden, allein keine ist so schlecht, so dunkel oder so feucht. Die beste Sorte also ist fett und glänzend, braun-roth von Farbe, leicht zerreiblich, von der Dichtigkeit einer Leber und leicht löslich; verwerflich dagegen ist die dunkelfarbige, harte und sandige und die, welche sich durch ihren Geschmack als mit Gummi oderAkakia versetzt zu erkennen giebt. Ihre Eigenschaften sind zu verdichten, zusammenzudrängen und sanft zu erwärmen, und sie wird vielfach angewendet, namentlich um Oeffnung zu verschaffen; dabei ist sie beinahe das einzige der dahin wirkenden Heilmittel, welches zugleich den Magen stärkt und ihn demnach nicht durch die entgegengesetzte Wirkung angreift. Man trinkt davon eine Drachme;* bei Magenschwäche aber in zwei Cyathus lauen oder kalten Wassers löffelweise zwei oder dreimal des Tages in Zwischenräumen, wie es die Umstände erfordern. Zur Abführung nimmt man höchstens drei Drachmen mit um so größerer Wirkung, wenn man nach dem Einnehmen Etwas ißt. In herbem Wein hält sie das Ausfallen der Haare zurück, wenn man sich in der Sonne den Kopf gegen den Strich damit salbt. Kopffschmerzen stillt sie, wenn man sie in Essig und Rosenöl auf die Schläfe und die Stirn legt oder, wenn sie verdünnt ist, daraufgießt. Ausgemacht ist es, daß man alle Augenleiden damit heilt, namentlich das Jucken und den Ausschlag an den Augenlidern; deßgleichen fleckige und bleifarbig unterlaufene Stellen, wenn sie mit Honig aufgelegt wird, besonders mit Pontischem, ferner die Mandeldrüsen, das Zahnfleisch, alle Mundgeschwüre und Blutauswurf; ist dieser mäßig, so trinkt man eine Drachme in Wasser, wo nicht, in Essig. Auch das aus Wunden oder sonst woher fließende Blut stillt sie, theils allein, theils in Essig. Auch sonst ist sie auf Wunden sehr heilsam, indem sie dieselben schnell vernarbt. So sprengt man sie auch auf Vereiterungen der männlichen Zeugungsglieder, auf Teigwarzen und Risse am Gesäß theils mit Wein, theils mit Sekt, theils trocken für sich, je nachdem die Behandlung Milderung oder Beschränkung erfordert. Auch lindert sie sanft den allzu starken Hämorrhoidal-Fluß. Bei Ruhren giebt man sie als Klystier, und wenn die Verdauung der Speisen zu langsam vor sich geht, trinkt man sie nach der Mahlzeit in mäßigen Zwischenräumen. In der Gelbsucht giebt man drei Obolus in Wasser. Man verschluckt auch, um die Eingeweide zu reinigen, Pillen davon mit ausgekochtem Honig oder Terebinthen-Harz. Sie heilt auch Fingergeschwüre.«
Bis auf den eigentümlichen Hinweis, dass man sich bei Haarausfall die Kopfhaut mit Aloe gegen den Strich salben soll und dies ausdrücklich in der Sonne, sind diese Rezepte durchaus nachvollziehbar und beschreiben das breite Spektrum der Pflanze.
Bis zum Beginn der modernen Naturwissenschaften repräsentieren die Aufzeichnungen von Dioskorides und Plinius den Stand des botanischen und medizinischen Wissens. Deshalb findet man ihre Erkenntnisse, oft in wörtlicher Formulierung, auch in den frühen Kräuterbüchern wieder, die nach 1500 erschienen und zum Gebrauch für Ärzte bestimmt waren. Die Berufung auf die Autorität eines berühmten Vorgängers reichte damals aus, um die Wirkung eines Medikaments zu beglaubigen. Erst in der Neuzeit wurde die Überprüfung durch eigene Erfahrungswerte eingeführt. Obwohl also auch die Kräuterbücher noch stark mit überlieferten mythologischen und magischen Vorstellungen durchsetzt sind, ist es doch erstaunlich, wie präzise schon damals eine Heilpflanze wie die Aloe vera beschrieben werden konnte. Und manche Vorschrift, die dem aufgeklärten Zeitgenossen der Moderne als magisches Ritual erscheint, erweist sich auf den zweiten Blick als durchaus sinnvolles Rezept. Wenn Plinius nämlich sagt, man solle gegen Haarausfall den Aloe-Saft mit Wein und bei Sonneneinstrahlung in die Kopfhaut einmassieren, hat er recht: Der Alkohol und die Sonnenwärme öffnen die Poren zur besseren Wirksamkeit der Prozedur.
Vollkommen unabhängig von der europäischen Überlieferung seit der Antike existierte die Kenntnis der heilkräftigen Aloe-Pflanze bei den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas, den Indianern. In Europa haben wir davon erst durch die weißen Siedler erfahren, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Indianergebiete eroberten. Da zu Beginn der großen Einwanderungswellen die Indianer den fremden Siedlern noch freundlich gesonnen waren, ließen sie sie auch im Bedarfsfall an ihren medizinischen Kenntnissen teilhaben. Viele Familien haben damals nur durch die Nothilfe der Indianer überlebt; Frauen und Kinder wurden durch indianische Heilkünste gerettet, und sie berichteten über diese Erfahrungen in ihren Briefen für die daheim gebliebenen Verwandten.
Da sich unter den weißen Siedlern auch Apotheker und Ärzte befanden, machten sich einige von ihnen detaillierte Aufzeichnungen für die eigene Praxis. Sie hatten sehr rasch gemerkt, dass die mitgebrachten Pillen und Tinkturen nicht lange reichten und der Nachschub im »Wilden Westen« nicht so problemlos wie erwartet funktionierte. Um zu überleben, waren die Einwanderer zunächst auf die medizinischen Kenntnisse der Ureinwohner angewiesen, die sie dann so brutal vertreiben würden.
Es ist aber auch überliefert, dass einzelne Stämme nach den schlechten Erfahrungen, die andere mit den weißen Siedlern gemacht hatten, ihre Geheimrezepte für sich behielten. So verheimlichten die Creeks jahrzehntelang, wieso sie nicht von Moskitos gestochen wurden: Sie rieben sich mit verdünntem Saft der Aloe vera Pflanze ein.